Verfasst von: rosa67 | 19. Februar 08

Fidel Castro

… dankt ab, hab ich grad gelesen, finde den Artikel in der FAZ auf den ersten Blick gar nicht so dumm.

Es werden bestimmt klügere Dinge geschrieben zu Fidel Castros Abschied als meine paar Worte, aber meine paar Worte stehen halt hier für mich. In dem FAZ-Artikel geht es um Distanzierung von einem Diktator, um Verzauberung derjenigen, die Cuba bereist haben und sich „haben einwickeln lassen“.

Diktatur und trotzdem Lachen, Musik, Sonnenschein.

Nun, ich war da ja auch mal. Angelockt vermutlich zuallererst nicht von dem Phänomen Fidel, sondern von dem uns allen bekannten Konterfei Ches auf T-Shirts usw. Irgendwie hat mich das gepackt. Ich habe mich mit der Geschichte Cubas beschäftigt und wollte dahin. Und so ging dann annodazumal die Reise los, 1998, zum Jahreswechsel, zum Jahrestag der Revolution. Wir haben in Santa Clara den Panzerzug angeschaut, mit dem damals General Batista den Nachschub an die Front bringen wollte, den aber Che mit seinem Gipsarm hat in die Luft sprengen lassen.

Wir haben die Che-Gedenkstätte mit angemessenen Ernst besichtigt. Wir haben uns in einer Kirche von einem inoffiziellen Priester erzählen lassen, dass er am Tag der Revolution vorsichtshalber alle Oblaten gefuttert hat. Wir haben Havanna angeschaut und sind angesichts des Verfalls erschauert. Wir haben uns geärgert, dass wir als Touris immer in abgesperrten Bezirken waren, obwohl wir keine Varadero-Reisenden waren. Wir haben Fidels Neujahrsansprache gehört, in der er über die Vorteile des Fahrradfahrens sprach und darüber, dass Fischfuttern ganz gesund ist und viel besser als Fleischessen. Wir haben uns die Sonne auf den Bauch und den Kopf brennen lassen.

Wir haben Schulen angeschaut und gesehen, dass da wirklich richtige Kinder drin saßen. Wir haben uns gefreut, dass damals die Kinderbettelei so gut wie nicht vertreten war. Wir haben uns – Kunststück für zwei Wochen – mit Improvisationen begnügt. Wir hatten Angst, dass in Havanna der Strom abgestellt wurde, während wir im Fahrstuhl in den 20. Stock zu unserem Hotelzimmer steckten. Wir konnten ganz positive Vergleiche zu anderen Karibikstaaten anstellen.

War ich verzaubert? Ja, das war ich wohl schon. Ich kann mir sicherlich nicht vorstellen – bislang -, wie das wohl ist, wenn man wegen seiner Meinung ins Gefängnis muss. OK, ein bisschen vielleicht schon. Wollte ich doch in den 80er Jahren Lehrerin werden und trotzdem eine eigene Meinung haben. Es ist natürlich ein Unterschied, ob eine Diktatur in einer Demokratie herrscht oder in einem sozialistischen Staat. Und natürlich ist es für die Einwohner eines meinungsfreien Landes ein gewisser Trost, dass sie zwar eigentlich auch meinungsunfrei sind, aber dafür kauffrei sozusagen.

Mein Eindruck von Cuba jedenfalls damals war zwiespältig. Die hatten ja echt wenig. Aber lag das an Cuba und Fidel oder am Embargo? Es entstand der Eindruck, dass seitens des cubanischen Staates zumindest eine gewisse Bemühung da war, den cubanischen Bürgern eine Grundversorgung an Bildung, Hygiene, Medizin und Futter und so zukommen zu lassen. Das war und ist in anderen Dritte-Welt-Staaten gewiss anders. Die Alphabetisierung war zumindest in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht schlechter als in den USA, die Kindersterblichkeit geringer …

Da ich niemals in einem cubanischen Knast gesessen habe, mag dies hochmütig klingen.

Dies waren aber mal meine Gedanken zu Fidel und seinem Abschied.

Ich sag Tschüß, Fidel :-)


Antworten

  1. http://www2.amnesty.de/internet/web-catalog.nsf/SearchResults?SearchDomain&Query=(kuba)&SearchOrder=1&SearchWV=TRUE&SearchThesaurus=FALSE&SearchFuzzy=FALSE&Start=1&Count=20&SearchEntry=ResultEntry&Scope=1

    Vielleicht gibt es schlimmeres, aber ob das immer ausreicht?

  2. Na schön, wenn durch den Umbruch um das Bildschön mein Link kaputt geht, dann eben so: http://www2.amnesty.de/ Suchwort Kuba.
    :)

  3. meinst du den link?
    http://preview.tinyurl.com/3yq3qw

  4. Oh, ich war zu lange selbst bei denen, um das nicht zu wissen. Aber ich finde einen verklärten Blick in die tabackfarbene Abendsonne Havannas genau so unangemessen, wie die Idee, dass in den USA oder anderen Staaten mit politschen Gefangenen, Todesstrafe und Überbetonung der militärischen Möglichkeiten (um etwas heraus zu greifen) alles gut ist, nur weil Kinder in die Schule gehen und Familien saubers Trinkwasser und Grundnahrungsmittel bekommen. Und nicht mal das.

  5. Hm, genau so eine Vergleicherei wollte ich eigentlich nicht. Ich habe einfach nur versucht zu schildern, wie damals meine Eindrücke waren … „War ich verzaubert? Ja, das war ich wohl schon“ gibt das ja auch wieder. Es meint nicht „bezaubert“, sondern wirklich „verzaubert“. Damit wollte ich gar nicht politisieren, sonst hätte ich ganz andere Argumente benutzt.
    Meine Reise nach Cuba war ein Abschied – ein Abschied von dem – sehr naiven – Gedanken, dass es ein eindeutiges Gut und ein Schlecht gibt. Sicherlich kann ich Dir gute Links zu anderen Staaten schicken, die auch fröhlich bereist werden und böse Dinge tun, aber geht es darum? Mir ging es nicht darum.
    In meinen zwei Wochen Cuba konnte ich so einen Einblick gar nicht gewinnen, und nur diesen dort entstandenen Eindruck wollte ich hier schildern. Mein Abschied vom Sozialistentraum versus Fidels Abschied von vielleicht ebendemselben? Ich finde diesen Blick nicht verklärt. Ich wollte nicht werten. Und ganz und gar nicht wollte ich diskutieren ala „Da ist es aber auch schlecht, nee, da ist es schlechter als dort …“ Sorry, wenn ich mich da vielleicht falsch ausgedrückt habe.

  6. Nein, eigentlich habe ich Duch auch verstanden. Ich wollte auch gar keine Diskussion vom Zaun brechen, das wäre nämlich ziemlich scheinheilig. Mich faszinieren der Mythos und das Havannaflair nämlich genau so. Ich war noch nie dort und ich würde schwören, dass ich mich sogar genau so fühlen würde, wie Du.

    Und Du hast recht: wir bereisen eine ganze Menge Länder und schaffen es mühelos, Armut, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu ignorieren – so lange uns das nicht den Urlaub verdirbt. Und dabei sind wir sogar noch verhältnismäßig aufgeklärt und in der Lage, unsere Augen und unsere Hrzen offen zu halten. Ich habe Urlaubsberichte gehört, bei denen ich spucken musste.

    Ich bin gspannt, wie es in Kuba weiter geht und ich hoffe, dass es seinen Zauber nicht verliert. Ich habe mich beim Lesen nur gefragt, ob ein Umbruch dort nicht doch sehr gesund wäre. Und war wahrscheinlich etwas voreilig – sorry, wenn Dich das geärgert hat!

  7. Bisher hab ich immer still mitgelesen, du schreibst sehr nett und der Christoph ist sehr sehr süß. Aber jetzt muss ich doch mal etwas dazu sagen.

    Dein Posting ist sehr interessant geschrieben. Ich war noch nicht selber dort, aber eine Freundin von mir war letzten Sommer in Kuba in einem Workcamp und hat dort sehr viel gesehen und mitbekommen. Diese Freundin hat z.B. ebenfalls erzählt, dass Einwohner nur ganz eingeschränkt Kontakt zu Touristen habe dürfen. Sie hatte durch das Workcamp intensiveren Kontakt mit Kubanern, weil es ein Projekt war, wo es auch im Kulturaustausch ging, aber auch das war immer schwierig und etwas halblegal, so war es z.B. verboten, einen Ausländer im Auto mitzunehmen.

    Ich hoffe ebenso sehr, dass es mit Kuba positiv weitergeht und dass auch in Zukunft noch viele Menschen verzaubert werden.

    Liebe Grüße, Ansku

  8. @Kaleema, Du hast mich gar nicht geärgert. Ich wollte bloß nicht falsch verstanden werden :-) Und ich bin auch der Meinung, dass ein Umbruch für Cuba genau das Richtige wäre, wenn er denn mit Gefühl für Land und Leute geschähe. Im Moment sehe ich aber das nicht. Da ist einmal die Alternative Raul Castro, das würde aber wohl keinen Umbruch bedeuten. Es hätte nur den Nachteil, dass er nicht das naja, nennen wir es doch mal Charisma von Fidel besitzt. Fidel ist ja für viele Cubaner immer noch irgendwie eine Gallionsfigur, die sie vieles erdulden lässt.
    Die andere Alternative bestünde in einer vollkommenen Anpassung an die Wünsche der USA, will aber hier heißen der Exilcubaner. Und die möchten auch keinen Umbruch, die möchten eine Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand, aber bitte schön am liebsten gleich mit Sklavenhaltung … Da war grad heut bei Spiegel online eine Meldung, dass die USA auch trotz Abdankung das Embargo stramm aufrecht erhalten, damit die Exilcubaner (auch grad während des Wahlkampfes) nicht verärgert sind. Wäre ja auch zu schön, wenn ein Umbruch dadurch erleichtert werden würde … Naja!
    @Ansku, ich würd mal sagen, ich teile Deine Hoffnung ganz uneingeschränkt :-)

  9. Die Wahl also zwischen Teufel und Beelzebub? Wie schön! Ich schließe mich also der allgeminen Hoffnung an…

  10. [...] am Dienstag im ruandischen Kigali. Er hoffe darauf, daß dies zu freien und fairen Wahlen auf der Karibik-Insel führe.“ (2) Der für diesen Text verantwortliche Journalist muß wohl – wie einige andere [...]


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